Das Gurre-Projekt

 

Martin von Hopffgarten, Violoncello

Clemens Kröger, Piano

Ernst von Hopffgarten, Graphik (Beispiele siehe links und eigene Site)

 

Das Werk

Die literarische Grundlage der Gurrelieder ist in der Novelle "En cactus Springer ud" von Jens Peter Jacobsen (1847 - 1885) enthalten, in der die mittelalterliche Legende vom Schloss Gurre erzählt wird: von der heimlichen Liebe des dänischen Königs Waldemar IV. zu dem Mädchen Tovelille (kleine Taube), die im Auftrag der eifersüchtigen Königin Helvig getötet wird.

 

Die deutsche Übersetzung hat Robert Franz Arnold 1899 herausgebracht. Arnold Schönbergs Komposition ist in ihrem extremen Aufwand, ihrer breitströmenden Melodik, ihrer vollen Akkorde und weit ausschwingenden Rhythmik als ein Werk der Wagner-Nachfolge und des Gigantismus der Jahrhundertwende einzuordnen. Schönberg vollendete die Komposition der Gurrelieder Anfang 1901 in Wien, die Instrumentation des III. Teils wurde 1911 in Zehlendorf (Berlin) abgeschlossen. Die Uraufführung fand am 23. Februar 1913 unter Franz Schreker in Wien statt.

 

Das Projekt

Erarbeitet wurden 28 Farbradierungen zu Arnold Schönbergs "Gurreliedern", die den Strukturen der Musik, der Psychologie und der Poesie des Textes folgen. Farbklänge, landschaftliche und figürliche Motive entwickeln sich in analoger Weise zur Musik und zum Text, haben jedoch keinen illustrativen Charakter. Einzelne Farbplatten werden in unterschiedlichen Blättern wiederholt und werden so, wie in der Musik, bestimmte Motive immer wieder durchscheinen lassen.

 

Um eine Aufführungsmöglichkeit in kleinerem Rahmen zu schaffen, arrangierten Martin von Hopffgarten und Clemens Kröger das spätromantische Werk, das für großes Sinfonieorchester, Chor und Solisten komponiert ist und durch den gigantischen Orchester- und Sängerapparat nur selten zur Aufführung kommt, auf der Basis des Klavierauszuges von Alban Berg für die Instrumente Violoncello und Klavier. Unter größtmöglicher Beibehaltung des Gestus der Musik wurde eine feinsinnige kammermusikalische Fassung herausgearbeitet, die der spätromantischen - expressiven Musik Schönbergs im gesamten Spektrum ihrer Melodik, Harmonik sowie ihrer Vielschichtigkeit gerecht wird.

Aufführungsdauer etwa 90 Minuten, Pause nach dem ersten Teil.

 

Arbeitsbericht zur kammermusikalischen Bearbeitung der Gurrelieder

In erster Linie stützen wir uns auf den Klavierauszug von Alban Berg, der aber teilweise rhythmische Verfremdungen und freie Veränderungen aufweist, wodurch größere Abweichungen vom authentischen Orchesterklang in Kauf zu nehmen wären. Als Grundprinzip für den überzeugenden Entwurf einer Bearbeitung für Violoncello und Klavier ist die möglichst vollständige Darstellung des Orchester- bzw. Chorklangs. Das Cello als sehr gesangliches Streichinstrument spielt - mit wenigen Ausnahmen - in der jeweiligen Stimmlage der Sänger und Sängerinnen (Solostimmen). Bei einigen Stellen - z.B. 8-fach geteilte Solostreicher im Zwischen-spiel des Liedes „Es ist Mitternachtszeit" - wo Schönberg für Solovioloncello schreibt („hervortretend", Part.), spiele ich natürlich diese Stimme, während andere hervortretende Solo- oder auch Tuttiinstrumente von Clemens Kröger am Klavier übernommen werden. Voller Streicherklang wird mittels Doppelgriffen am Violoncello dargestellt. Die oktavierende Kontrabaßlage wird sehr plastisch, wenn das Cello in der ohnehin schon tiefen Lage und das Klavier noch eine Oktave tiefer spielt (z.B. in „Es ist Mitternachtszeit"). Ein unheimlicher, leiser Paukenwirbel wird durch Tremolo auf den tiefen Cellosaiten wiedergegeben. Voller Bläserklang wird am besten am Klavier realisiert. Besonders wirkungsvoll sind auch die in Arpeggien gespielten Akkordzerlegungen der vier Harfen, die mein Kollege Clemens Kröger eindrucksvoll am Klavier hinlegt. Beim Proben befinden wir uns in einem Prozess, der ständig Entscheidungen fordert: Wir müssen erkennen, was wesentlich ist und damit auch gespielt werden sollte und was im Hintergrund - quasi nur impressionistisch murmelnd - weggelassen werden kann. Dies geschieht im ständigen Wechsel von Anhören der Orchesterfassung, dem Ausprobieren an unseren Instrumenten und dem Notieren.

Martin von Hopffgarten, Hamburg im Januar 2001